Neugeister-Lounge

Neugeister-Lounge: im Herbst jeden Jahres, mit brisanten, unbequemen und nicht unpolitischen Themen, immer nah am Zeitgeist – im Foyer des Theaters Zittau.
 

 

Neugeister-Lounge vol. 4 "Wenn ich groß bin mache ich Hartz IV? - Perspektivlosigkeit contra Fachkräftemangel

 



 



 



 

Einmal im Jahr wird Zittaus Theater zum Neugeisterhaus von Tilo Berger (Sächsische Zeitung, 13.11.2007)

Fachkräftemangel und hohe Arbeitslosigkeit liegen nah beieinander. Ein Verein junger Leute bat dazu zur Diskussion. Im Foyer eines Theaters gibt es Restkarten oder Programme zu kaufen, schicke Roben oder Jeans zu sehen, Sekt oder Saft zu trinken, Würstchen oder Schnittchen zu essen, Gelegenheit zu sehen oder gesehen zu werden. Das ist im Zittauer Theater nicht anders, doch einmal im Jahr gibt es eine Ausnahme. An einem Abend im Herbst verwandelt sich das Foyer in ein Diskussionspodium.
Diesmal lockte das Thema Arbeitsmarkt mehr als 50 Neugierige, die keinesfalls nur zuhören wollten. Wie in einem Theater meist üblich, ging es dabei kulturvoll zu. Im Gegensatz zu Diskussionsrunden im Fernsehen oder im Bundestag ließen sich die Diskutierenden in Zittau gegenseitig ausreden und hörten einander zu.
Ob eine solche Atmosphäre zustande kommt, liegt immer auch am Moderator. Thomas Hönel, Jahrgang 1967, hat sich seine Fähigkeit zum Ausgleichen seit dem Wendeherbst 1989 bewahrt. Damals zählte er in Zittau zu den Aktivisten des Neuen Forums, heute gehört der Betreiber einer Kommunikations- und Werbeagentur zu den Mitgliedern des Vereins Neugeister. Der Verein bezeichnet sich selbst als „Netzwerk für neue Ideen und klare Gedanken“, kreative junge Leute hoben ihn aus der Taufe und scheuen bei ihren Veranstaltungen kein heikles Thema.

Jungen Leuten Chance geben
Zum Beispiel den Widerspruch auf dem Lausitzer Arbeitsmarkt. Einerseits klagen Unternehmen über einen zunehmenden Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften, andererseits haben mehr als 47000Menschen keine Arbeit. Gefragt seien vor allem Spezialisten wie CNC-Dreher oder Schweißer, bestätigt Alexander Ulbricht. Der Pressesprecher der Arbeitsagentur Bautzen ist einer von sechs Gesprächspartnern, die an diesem Abend im Podium sitzen. „Wir müssen Arbeitslose zielgerichtet für neue Tätigkeiten qualifizieren“, sagt Ulbricht. Doch das ist oft nicht einfach, ergänzt Joachim Krause, der im Landratsamt Löbau-Zittau Langzeit-Arbeitslose betreut. „Es wird immer schwieriger, Weiterbildungen mit Leuten zu besetzen, die das auch wollen.“ Wer jahrelang zu Hause war, habe oft Probleme, sich wieder an einen festen Arbeitsrhythmus zu gewöhnen. „Und Heranwachsende kriegen das dann so von ihren Eltern vorgelebt“, kritisiert der Angestellte des Landratsamtes.
Das will ein Mann aus dem Publikum nicht so im Raum stehen lassen: „Wenn die Eltern nicht mehr ehrgeizig sind, heißt das doch noch nicht, dass es die Kinder auch nicht sind.“ Ähnlich äußert sich Christina Förster, die Chefin der Graphischen Werkstätten Zittau (GWZ): „Wir haben sehr gute Erfahrungen mit unseren Lehrlingen gemacht.“ Derzeit lernen bei GWZ drei junge Menschen einen Beruf. Schon vor einer eventuellen Bewerbung biete das Unternehmen Schülern Praktika und Betriebsbesichtigungen an – um dabei zu sehen, ob „die Chemie stimmt“. „Man muss den jungen Leuten eine Chance geben“, sagt die Zittauerin.
Unternehmen, Schulen und Arbeitsvermittlung müssen enger zusammenrücken, fordert Frank Bartko. Er ist Lehrer an der Ostritzer Schkola, einer Schule, die von einem Verein getragen wird. Die Schulen müssten zeitiger wissen, welche Berufe gebraucht werden; die Unternehmen müssten wissen, was Schüler können; die Arbeitsvermittlung muss beides wissen.

Ausbilden, so viel es geht
Sylvia Wolf leitet ein Vermittlungsteam bei der Arbeitsagentur Bautzen und wünscht sich, dass Unternehmen zeitiger mit der Auswahl geeigneter Bewerber für Lehrstellen beginnen. Die Sparkasse Oberlau-sitz-Niederschlesien tut dies, sagt Personalleiter Ulrich Neumann. „Auf uns kommen Jahre zu, in denen bis zu 20 Mitarbeiter altersbedingt ausscheiden. Also müssen wir jetzt ausbilden, so viel es geht.“
Lösen kann dieser Diskussionsabend im Zittauer Theater den Widerspruch auf dem Lausitzer Arbeitsmarkt nicht. Aber viele Anwesende erleben zum ersten Mal, dass überhaupt darüber geredet wird. Den Neugeistern sei Dank.
 

Neugeister Lounge Vol. 3 - "Willkommen im Dreirentnereck-seniorenfreundliche Region als Perspektive oder Imagekiller?"

Erfreulich viele Interessenten hatte das diesjährige Thema der Neugeisterlounge ins Zittauer Theaterfoyer gelockt.
Das es statistisch gesehen recht traurig um die Oberlausitz bestellt ist, ist bekannt und wurde in den Zahlen, die Prof. Dr. Norbert Zillich von der Hochschule Zittau-Görlitz zur demografischen Prognose für die Region vorstellte, recht deutlich. Doch was kann man trotzdem für die regionale Entwicklung und für das Image der Region tun?
Wer sind wir? Was macht uns als Region aus? Haben wir eine Identität? Alles Fragen, die Dr. Tobias Liebert von der TU Dresden in den Raum stellte. Ohne Image kann man eine Region innerhalb des Wettbewerbes von Regionen nicht positionieren! Von der Idee der gleichwertigen Lebensverhältnisse wird man sich verabschieden müssen. Es wird in Zukunft Gewinner- und Verliererregionen geben.
Das Problem der Abwanderung ist deshalb so kritisch, weil vor allem Leute mit „Gründergenen“ abwandern. Dr. Hardo Kendschek von komet-empirica schlug vor: Kontakt halten! Ideen sind gesucht, solche Leute wieder zurückzuholen.
Im Moment ist der Rückbau der Infrastruktur nur eine reine Mengenanpassung, es erfolgt keine Anpassung an Zielgruppen und deren Bedürfnisse. Hier sind innovative Anpassungsstrategien gefragt.
Wie organisiert man Schrumpfung auf sozial verträgliche Weise? Warum fehlt fast alles, was Familien benötigen? Wie können die fitten Alten gesellschaftlich tätig werden.
Wir neigen stark dazu, die Region schlechter zu sehen, als sie eigentlich ist. Das bedeutet, wenn ein Regionalmarketing erfolgreich sein soll, dann sollte es zu 90% nach innen gerichtet sein.
Herr Sebastian Beutler von der Sächsischen Zeitung gab zu bedenken, dass es keine Fürsprecher für die Region gibt, keine Köpfe, die die Region über deren Grenzen hinaus vertreten.
Warum braucht man eine altersgerechte Wohnung? Kann dort nicht auch eine Familie mit Kindern wohnen? Die Spaltung der Gesellschaft in Alt und Jung wurde durch das Podium, aber auch durch zahlreiche Gäste stark kritisiert. Wie gelingt eine Vernetzung der Generationen?
Die Entscheidung, was die Region ist, sollte nicht Politikern überlassen werden. Sollten nicht die Bürger der Region entscheiden, wohin die Entwicklung geht? Herr Roland May, Intendant des Zittauer Theaters, verlangte, dass Bürgermeister mehr Gestalter als Verwalter sein müssen.
Eine Region definiert sich über wirtschaftliche und soziale Verflechtungen und über gemeinsame Traditionen. Warum enden dann so viele Ideen an der Staatsgrenze? Wen interessiert es eigentlich, in welchem Landkreis er lebt? Ist das wichtig für eine regionale Identität?
Viele Fragen blieben an diesem Abend offen, auch das Thema des Abends selbst fand keine Antwort. Das sollte auch nicht das Ziel sein. Es ging um das Wecken des Bewusstseins für die Fragen, und es war schon vorher klar, dass die Suche nach Antworten länger als einen Abend dauern wird.
Es war ein spannender Abend und unser Dank geht noch einmal an das Zittauer Theater, das uns nun schon zum dritten Mal die Räumlichkeiten zur Verfügung stellte, der Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien, die die Veranstaltung finanziell unterstützte und den Referenten, die ihre Sichtweisen und Erfahrungen einbrachten. Natürlich auch ein Dankeschön an alle Gäste, die sich in die Diskussion eingebracht haben.
25.10.2006
 



 

Prof. Dr. Norbert Zillich (Hochschule Zittau-Görlitz)

Dr. Tobias Liebert (TU Dresden)

Dr. Hardo Kendschek (komet-empirica)
 

Sebastian Beutler (Chefredakteur Sächsiche Zeitung Zittau)

Roland May (Intendant des Zittauer Theaters)

 



 
 

Neugeister Lounge Vol. 2 - „Ende im Gelände – Oder geht es hier weiter?“

 
Unsere Gäste:
Daniel Neuer
Architekt aus Berthelsdorf
Stammt aus dem Schwarzwald
1996 das erste Mal in der Oberlausitz
seit 2000 Oberlausitzer


Caspar Sawade
Geschäftsführer des Zittauer Theaters
Kommt vom Niederrhein
Kam wegen der Arbeit in die Oberlausitz


Martin Bühler
Zimmermann aus Oberseifersdorf
Stammt aus Heidelberg
Kam 1995 das erste Mal als Wandergeselle in die Oberlausitz
Danach immer wieder, um an Umgebindehäusern zu arbeiten
Lebt seit 1997 in der Region


Matthias Henkert
Student aus Radebeul
Kam zum Studium an der Fachhochschule nach Zittau
Beschäftigt sich in seinem Studium mit regionalen Wirtschaftskreisläufen am Beispiel der Oberlausitz


Warum Oberlausitz?

Freiheiten sind hier so groß wie kaum anderswo – viele Möglichkeiten, etwas Neues aufzubauen und zu gestalten – tolle Studienbedingungen, persönliche Betreuung und moderne Ausstattung – spannende Lage im Dreiländereck – günstige Möglichkeiten, sich sesshaft zu machen – wegen Arbeitsangebot hierher gezogen – große Chancen, eine Nische für sich zu finden – noch ist nicht alles festgefahren – so viele Initiativen und Angebote auf so kleinem Raum

Kritik und Änderungsvorschläge

Die Region verkauft sich unter Wert – für eine aussterbende Region ist das Bewusstsein für Familien- und Kinderfreundlichkeit kaum ausgeprägt – viel Gerede, wenig Aktionen – wenig Initiativen für regionale Wirtschaftskreisläufe – es gibt kein Bevölkerungsmarketing – Marketing sehr institutionell, Probleme bei der Kommunikation - kaum Bemühungen, um neue Bewohner für die Region zu gewinnen – Gefahr, dass die Identität der Region verloren geht, z.B. durch die Verfälschung der Baukultur

Chancen, Potenziale und Ideen

Die wenigen Arbeitsstellen, die vergeben werden können, sollten wenn möglich geteilt werden, um mehr Menschen zu beteiligen – bundesweite Werbung mit preiswerten Immobilien und niedrigen Lebenshaltungskosten – als Region aus der Masse herausheben – effektiv ist es, viele Menschen in persönlichen Kontakt mit der Region zu bringen (Urlaub, Besuche) – Hochschule als Standortvorteil verstehen, nicht als Kostenfaktor – mehr Werbung mit Einmaligkeiten (wie bereits mit den Zittauer Fastentüchern)

Ende im Gelände? Oder geht es hier weiter?
Stimmen und Meinungen der anschließenden Diskussion

Es geht weiter, aber es wird anders! – es ist erfrischend, wie die Podiumsgäste mit soviel Optimismus über die Oberlausitz reden – in dieser Region bestehen die Chancen für Experimente besonders im kulturellen Bereich (günstige Immobilien sind ein Beitrag) – es gibt zu viele Entscheidungsträger, die nichts mehr entscheiden, weil der Mut fehlt oder weil es nicht um die eigenen Zukunft geht – Kleinstaaterei ist ein Hemmnis – viele besitzen aber die Fähigkeit zum Umdenken und Andersdenken – mehr Engagement junger Leute in der Politik – nur Wirtschaft trägt die Region, Theater und Hochschule sind Kostenverursacher – Widerspruch: Hochschule ist die Chance, dass viele junge Leute die Region kennen lernen, Studenten geben Geld in der Region aus (Konsum und Mieten), Hochschule ist auch Arbeitgeber – Oberlausitz hat Pioniergeist = Pioniergegend – Politik der Region ist jugendunfreundlich – es wird nur noch verwaltet, keine Gestaltung – viele weigern sich weiter zu denken, solange die B 178 nicht gebaut ist, Stillstand – Was ist, wenn die Straße nie kommt? – es ist kein Ziel definiert, keine Investitionen in die Zukunft – Attraktivität für junge Leute schwindet – Argumente der Podiumsgäste, sich für die Region zu entscheiden, sind auch Gründe hier zu bleiben – Unterschied zur Bautzener Region, dort wird stolzer und selbstbewusster von der eigenen Heimat gesprochen – Zittauer Region wuchert zu wenig mit den tollen Angeboten (z.B. mit dem mehrfach gelobten Theater) – Dreiländereck – Vielfalt wird kleingeredet – Wir müssen klappern! Stolz sein! – einen eigenen Weg finden, nicht andere Regionen kopieren – wir müssen unseren eigenen, den Oberlausitzer Weg finden – nicht auf die Politik warten, sondern Neues entsteht hier vor allem auf Eigeninitiative
05.12.2005
 
 
 
 
 

Neugeister Lounge Vol. 1 - "Regionale Wirtschaftskreisläufe - Eine Chance für die Region?"

 
Neugeister verlassen „ausgetretene Pfade“
„Bühne frei für neue Ideen und klare Gedanken“, hieß es am vergangenen Mittwoch im Foyer des Zittauer Theaters.
Unter dem Motto "Regionale Wirtschaftskreisläufe - Eine Chance für die Region?" lud der Neugeister e.V. zur Diskussion ein.
Im angenehmen Ambiente des Theaters stellte Markus Horn die Neugeister und deren Ziele zunächst kurz vor. Neben ihrem Engagement für junge Unternehmer der Region formulierten die Neugeister auch eine Forderung an die Öffentliche Hand. Um das weitere Ausbluten der Oberlausitz zu verhindern, sei es wünschenswert, aus Steuern finanzierte Aufträge auch an Unternehmen der Region zu vergeben.
Prof. Johannes Laser von der Hochschule Zittau/Görlitz nahm das Thema auf und betonte die Chancen regionaler Wirtschaftskreisläufe für die Region. Die Neugeister sehen in diesem Ansatz eine Möglichkeit, den Teufelskreis aus Stagnation, Verarmung und Abwanderung einzudämmen.
Werden geschlossene regionale Produktkreisläufe aufgebaut, bleibt auch das Geld vor Ort und kommt den eigenen Unternehmen wieder zu gute. Allerdings müssen zunächst die Kunden von den Qualitäten einheimischer Produkte überzeugt werden.
Dass dies eine langfristige und nicht einfache Aufgabe darstellt, wurde in der lebhaften Diskussion der 60 Gäste deutlich. Obwohl sich fast alle Teilnehmer darüber einig waren, dass regionale Initiativen eine interessante Alternative darstellen, wurde vielfach Skepsis geäußert. Immer wieder wurde bemerkt, dass es an einem regionalen Bewusstsein bei der Bevölkerung als auch bei Politik mangelt.
Bevor dieses Denken für die Region nicht verankert ist, sind Projekte wie eine eigene Regionalwährung verfrüht. Es wurde deutlich, dass zuerst die Bevölkerung bereit sein muss, diesen neuen Weg mitzugehen. Die Neugeister sehen in der Unterstützung dieses Prozesses auch künftig eine ihrer Hauptaufgaben.
03.11.2004
 
 
 
 
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